Wir sind das… was?!

Eine Geschichte des Volksbegriffs

Die AfD-Chefin Frauke Petry äußerte sich kürzlich in der Welt am Sonntag dahingehend, dass der Begriff „völkisch“ wieder positiv besetzt werden müsse. Das Adjektiv, welches insbesondere durch eine gewisse Parteizeitung zwischen 1920 und 1945 zweifelhaften Fame erlangte, stammt augenscheinlich vom Volksbegriff ab. Um ein wenig Licht in dessen Dunkel zu bringen, habe ich mich im letzten Sommer etwas genauer mit seiner Geschichte auseinandergesetzt, denn bereits vor zwei Jahren erlangte der Ausspruch Wir sind das Volk mit dem Beginn der Pegida-Demonstrationen eine zweifelhafte Renaissance.

Wer ist das Volk?

Das Motto der friedlichen Forderung nach demokratischer Erneuerung in der damaligen DDR wurde also von den Pegida-Demonstranten wieder aufgegriffen. „Vom Ruf nach Freiheit zur Hassparole“ titelt ein 2015 erschienener Beitrag des Historikers Ernst Piper beim Deutschlandradio. Die Botschaft wende sich dabei gegen Andersgläubige, Flüchtlinge und Menschen mit anderer Hautfarbe. Man konstruiere einen Volksbegriff der aussagt: „Wir sind das Volk und ihr gehört nicht dazu“. Der Begriff Volk ist jedoch vielschichtig und wurde immer wieder neu aufgeladen.

Ich möchte den Begriff deshalb anhand von Lexika aus dem deutschsprachigen Raum analysieren und seine Facetten sowie
seine historische Entwicklung klarer machen. Der begriffsgeschichtlichen Analyse liegen insbesondere die Ausgaben des Brockhaus zugrunde, da dieser sowohl wegen der Regelmäßigkeit und Dauerhaftigkeit seines Erscheinens, als auch wegen seiner Auflagenzahl als das bedeutendste Lexikon deutscher Sprache gewertet werden kann.

Beginnen soll die Begriffsgeschichte um das Jahr 1850 und damit nach der Deutschen Revolution von 1848/49 sowie vor der Gründung des ersten Deutschen Nationalstaates – dem Deutschen Kaiserreich (1871). Während der Wandel des Begriffs bis zum Ende des 2. Weltkrieges und dem Untergang des Nationalsozialismus bereits bemerkenswert ist, sind die unterschiedlichen Annäherungen an den Volksbegriff in der BRD sowie der DDR ebenfalls interessant. Nach der Deutschen Wiedervereinigung 1990 tritt ein weiterer Wendepunkt in der begriffsgeschichtlichen Bedeutung ein. Deshalb soll der Begriff hier über den Zeitraum von über einem Jahrhundert betrachtet werden.

volksbegriff
Eugène Delacroix (1830): Freiheit für das Volk

Geschichte des Volksbegriffs

Der genaue Ursprung des altgermanischen Substantivs ist allerdings nicht eindeutig zu klären. Das im Mittelhochdeutschen vorkommende Wort volc bedeutete dabei Leute, Volk und auch Kriegsschar. Es wird davon ausgegangen, dass es seine Wurzel im indogermanischen Ausdruck für viel hat, sodass der lateinische Begriff plebs (Volksmenge) mit ihm verwandt wäre. Eine Verbindung zur ältesten militärischen Bedeutung im Altgermanischen schreibt sich in Begriffen wie Fußvolk und Kriegsvolk fort. Die sprachlich-kulturelle und historische Bedeutung hat sich dabei erst durch ein Erwachen des Nationalbewusstseins während des Zeitalters des Humanismus herausgebildet. In der Romantik wäre es dabei zu einer ersten Emotionalisierung des Volksbegriffes gekommen, nämlich im Volkslied und dem Volkstum. Früh hätte der Begriff auch schon die Vielzahl der Regierten im Gegensatz zur regierenden Oberschicht bedeutet.

Der Volksbegriff im 19. Jahrhundert

Der erste betrachtete Eintrag von 1819, welcher somit noch vor der Deutschen Revolution von 1848/49 erschienen ist, liegt in einem zweiteiligen Aufbau vor. Zunächst wird der Aspekt der Abstammung betont: „Volk, […] eine durch Abstammung […] verbundene Menschenmenge, die auch […] eine Nation genannt wird; [d]ie Grundlage eines Volkes muß […] eine Familie gewesen sein; [b]ei […] [deren] Vermehrung und Verbreitung bildeten sich einzelne Familienzweige, […] [d]iese nennen sich Volksstämme“. Gleichzeitig erfolgt hier die Vermischung mit dem Nationenbegriff, der – wie sich zeigen wird – nie völlig auflöst wird. Nicht zuletzt werden auch gemeinsame Sitten und Bräuche sowie die Verwendung einer Sprache und damit kulturelle Aspekte des Volksbegriffes genannt. Im zweiten Teil des Eintrags erfolgt eine Definition des Volkes als derjenige Bevölkerungsteil, welcher der Regierung gegenübersteht: „Übrigens wird das Wort Volk nicht immer in jener ersten Bedeutung genommen. Oft bedeutet es die Bewohner eines Landes überhaupt, […] also Unterthanen […], wie beim Gegensatze zwischen Fürst und Volk; oft auch die niederen Stände oder Klassen der Gesellschaft [gemeines Volk] […]“. Im Laufe der Zeit wiederkehrend taucht auch hier der Verweis auf den Volksbegriff in der Militärsprache (i.S.v. Mannschaft) sowie auf den waidmännischen Gebrauch auf.

[Anm. d. Autors: Der Verweis auf eine waidmännische bzw. biologische Verwendung kehrt in zukünftigen Ausgaben aller verwendeter Lexika wieder, soll jedoch aus mangelnder Bedeutung für eine begriffsgeschichtliche Analyse im Bereich der politischen Theorie und Ideengeschichte nicht weiter betrachtet werden.]

Im 1855 erschienenen Eintrag der Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände von F.A. Brockhaus setzt sich diese Tendenz fort. Hier wird im ausführlichen Artikel jedoch noch insbesondere der Volksbildung Bedeutung zugemessen. Diese erfolge in Abgrenzung zur aristokratischen Schicht, die generell von höherer politischer Stellung, Reichtum und Bildung sei. Weiterhin wird auf ideologische Einflüsse aus Frankreich eingegangen:

Einen noch speciellern Sinn hat die Bezeichnung Volk von Frankreich aus in den socialistischen und communistischen Bewegungen erhalten, insofern man den sogenannten arbeitenden Klassen (den ouvrier) par excellence den Namen Volk (peuple) beilegte, während man als Gegensatz nicht nur die politische Aristokratie, sondern vornehmlich den Besitzer und industriellen Unternehmer (bourgeois) hinstellte. Endlich gebraucht man im gewöhnlichen Leben den Ausdruck Volk überhaupt auch zur Bezeichnung der rohen, ungebildeten Menge, des Pöbels. Die zufällige oder absichtliche Vermischung dieser verschiedenen Begriffe des Wortes Volk hat seit der ersten Französischen Revolution nicht selten viel Unheil gestiftet.

Es findet dabei erstmals eine Betrachtung eines dezidiert ideologisierten Volksbegriffes statt.

Während im wesentlich kürzeren Eintrag in Meyers Konversations-Lexikon von 1890 wiederholt die Definition über „[…] Abstammung und Sprache, Sitte und Bildung […]“ als einleitende Aspekte dienen, wird hier das erste Mal auch eine genauere Unterscheidung zwischen Volk und Nation besprochen: „Im Staatsrecht wird […] zwischen V. und Nation unterschieden und unter ersterem die Gesamtheit der unter einer gemeinsamen Staatsregierung vereinigten Angehörigen eines […] Staates verstanden“. Abschließend wird auf die Unterscheidung zwischen dem Volk als die bürgerliche Schicht und der höher gestellten Aristokratie eingegangen.

Der nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs in Brockhaus’ Konversations-Lexikon erschienene kurze Eintrag aus dem Jahre 1895 macht zum wiederholten Male die Abstammung zum bedeutsamsten Kriterium eines Volkes. Jedoch wird auch hier die Unterscheidung zwischen dem Volks- und dem Nationenbegriff differenzierter besprochen. Während Volk in der Rechtssprache die Gesamtheit der zu einem Staat verbundenen Menschen bedeute und ein staatsrechtlicher sowie politischer Begriff sei, handele es sich bei Nation um einen ethnologischen Begriff. Ein Volk könne dabei aus mehreren Nationen oder einer bzw. einem Bruchteil einer Nation bestehen. Zuletzt weist der Artikel von 1895 wieder darauf hin, dass das Volk in Abgrenzung zu den Regierenden die Regierten zusammenfasse.

Der Begriff Volk bis 1945

In Herders Konversations-Lexikon wird Anfang des 20. Jahrhunderts ebenfalls eine Abgrenzung zwischen dem Volks- vom Nationenbegriff vorgenommen, wenn auch nur wenig ausführlich. Der Gedanke der Unterscheidung zwischen Regierung und Regierten wird beibehalten. Der Aspekt der Blutsverwandtschaft sowie Sitte und Sprache sind Teil der Definition in Meyers Lexikon von 1930, jedoch kommt hier nach dem 1. Weltkrieg und während der späten Weimarer Republik eine staatlich-institutionelle Dimension hinzu. Ein Volk müsse somit eine staatliche Organisation besitzen. Darüber hinaus erwähnt der Artikel den Begriff des Staatsvolkes, welcher im Eintrag aus dem Brockhaus von 1895 bereits angedeutet wurde. Sich vom Staatsgebiet abgrenzend könne ein Staatsvolk auch aus mehreren Nationen bestehen. Die Unterscheidung vom gemeinen Volk als die Regierten im Vergleich zu den Regierenden nimmt auch der Eintrag von 1930 wieder auf. Bemerkenswert ist hier zuletzt die Äußerung, dass das Staatsvolk in demokratisch verfassten Staaten der Souverän sei, welcher wiederum in gewählten Volksvertretungen repräsentiert werde.

Während der Artikel aus dem Jahre 1930 ideologisch neutral formuliert ist, beinhaltet der Eintrag im Großen Brockhaus von 1934 eine umfassende Erklärung eines national-sozialistisch geprägten „gesellschaftlichen und politischen Volksbegriffes“. Im Gegensatz zum individualistisch-liberal geprägten Begriff des Staatsvolkes der französischen Revolution wäre in „[…] Deutschland […] aber schon seit dem Ausgang des Mittelalters […] ein Volksbegriff herangereift, der im Volkstümlichen die Entfaltung kernhaften Wesens und in den Äußerungen des Volksgeistes […] die eigentliche tragende Kraft nationalen Lebens erblickt“. Im Gegensatz zum späten Liberalismus und dem Marxismus sei das Volk jedoch nicht als die niedere Schicht oder Arbeiterklasse zu sehen, sondern als ein ganzes, „[…] als [eine] [soziale] und polit. Persönlichkeit […]“. Diese Ansicht sei jedoch nicht ohne Widerstand geblieben:

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bereitete sich aber eine Gegenbewegung vor, die in einer bewussten Erneuerung des Volkstümlichen in Kunst und Sitte sowie des Völkischen in der Politik das Heil für die Zukunft sah. Im Nationalsozialismus wird die Volkwerdung […] zur polit. Aufgabe der Deutschen gemacht, und so das V. als nationale Einheit sowie berufsständisch gegliederte Ganzheit zur tragenden Mitte zwischen Staat und Wirtschaft erhoben. Auf diese Weise erfüllt das naturhaft (in Blut und Boden) verwurzelte und ins Geistige (Kultur) hineinragende Volkstum seine polit. Sendung. Dieses Volkstum wird schutzbedürftig und schützenswert. Die Volkszugehörigkeit erscheint als naturgegebene Voraussetzung für staatspolitische Tätigkeit, sie wird vor allem in Grenzfällen zu bewußter Willensentscheidung, zum polit. Bekenntnis […].

Hier wird das Volk heftig ideologisiert und politisiert sowie zur rassenbasierten Schicksalsgemeinschaft erhoben, die eine dezidiert zentrale Stellung einnimmt. Nur wer durch Abstammung zu dieser gehöre und ihre Sitten verinnerliche, dem werde alleinig die politische Teilhabe eingeräumt. Eine weitere Ausgabe aus der Zeit des Nationalsozialismus existiert von Meyers Lexikon. Diese wurde jedoch nach dem Buchstaben S abgebrochen.

Definition nach der Zeit des Nationalsozialismus

Nach der Zeit des Nationalsozialismus wird 1957 in Der Grosse Herder die gemeinsame Sprache als Hauptmerkmal der Volkszugehörigkeit angeführt, „[…] welche die Anschauungsweisen eines V. u. die geist. Überlieferung entscheidend formt […]“. Der Eintrag grenzt den Volksbegriff dabei vom Nationenbegriff deutlich ab, letzterer wird ein historisch-politischer Begriff genannt. Das Verständnis vom Volk als Untertanen verortet der Artikel im Absolutismus und beschreibt eine auf Rousseau, Herder und Hegel basierende Wahrnehmung des Volkes als bedeutsame Einheit mit eigener schöpferischer Kraft. Es wird dabei auf die Idee der Volkssouveränität verwiesen. Der Gedanke des Staatsvolks als Rechtsfigur sei im Westen schon früh vorhanden gewesen, müsse jedoch nicht zwingend mit der nationalstaatlichen Zusammenfassung aller Volksteile einhergehen. Auch in diesem Eintrag wird die überindividuelle Lehre des Volksgeistes von Herder aufgegriffen, im Gegensatz zum Brockhaus-Eintrag von 1934 wird jedoch betont, dass die Volkszugehörigkeit nicht rassisch zu sehen sei, da ein Volk häufig aus mehreren Völkern erwachsen wäre.

Ebenfalls 1957 verweist der Eintrag in Der Grosse Brockhaus auf den Bedeutungswandel, den der Begriff Volk durchlaufen hat. Im politischen Sprachgebrauch sowie im historischen Verständnis sei Volk in etwa gleichbedeutend mit Nation, was sich auch im internationalen Gebrauch widerspiegele. Im Folgenden betont der Artikel dann auch mehr die gemeinsame kulturelle und geistige Entwicklung als eine bestimmte rassische Herkunft, indem insbesondere auf die Vermischung von Volksstämmen verwiesen wird. Diese Vermischungen würden sich dabei beispielsweise durch geschichtliche Ereignisse, Reichsgründungen und Wanderungsbewegungen ergeben. Weiterhin verweist der Eintrag auf die Deutsche Bewegung des 19. Jahrhunderts, die u.a. mit Hegel und Herder Begriffe wie Volksgeist und Volkstum geprägt hätte. Hier werde das Volk als eigentlich tragende Kraft des geschichtlichen Lebens gesehen. Der Artikel verweist darauf, dass diese Bewegung eine „[…] reiche und tiefsinnige Volkslehre entwickelt, die für die dt. Auffassung vom Wesen und der Bedeutung des V.s auch politisch weitreichende Folgen gehabt hat“. Abschließend erwähnt der Eintrag den Verweis auf die Trennung zwischen Regierenden und Volk sowie das Verständnis des Volkes als „[…] der gemeine Mann, jedermann, die Menge als die große Mehrzahl […]“.

Der Artikel zum Begriff Volk in Herders Neues Lexikon von 1964 beginnt mit einer Definition, die auf gemeinsamer Abstammung, Sprache und Kultur aufbaut. Darüber hinaus gehöre meist auch ein bestimmtes Territorium zur Volkszugehörigkeit. Interessant ist bei diesem Eintrag, dass er ausführlich auf die Gedanken des Marxismus-Leninismus zu den Volksmassen eingeht. Diese seien der

[…] wesentliche Teil der Gesellschaft, ihre überwiegende Mehrheit, vor allem jene Klassen und sozialen Schichten, die die Träger der gesellschaftlichen Produktion sind und damit die Grundlage für die gesamte materielle und geistige Kultur der Gesellschaft schaffen; sie sind die Triebkraft bei der Verwirklichung des historisch notwendigen Fortschritts, diejenige Kraft, die die bestimmende Rolle in der gesellschaftlichen Entwicklung innehat.

Die Leistung der marxistischen Gesellschaftstheorie sei, dass diese das Volk nicht als passive Masse sehe, deren Schicksal von der herrschenden Klasse gelenkt werde oder „[…] bestenfalls als bloße Vollstrecker des Willens einzelner ‚großer Menschen’“. Der Sozialismus schaffe die Grundlage, dass das Volk seine schöpferische Kraft entfalten könne und sich im revolutionären Klassenkampf befreie. Die Konzentration dieses Eintrages von 1964 auf den Marxismus-Leninismus ist hier im Kontext des Erscheinungszeitpunkts während der DDR zu sehen. In dieser Zeit existierte das Bibliographische Institut sowohl in der BRD als auch als Volkseigener Betrieb in Leipzig.

Ein Eintrag aus dem 1968 erschienenen Das Große Duden-Lexikon ist zwar sehr knapp gehalten, jedoch insofern bemerkenswert, indem die Begriffsdefinition den Aspekt der Abstammung völlig auslässt und hingegen ausschließlich das kulturelle Erbe sowie die historische Gemeinschaft betont. Der Begriff werde dabei oft gleichbedeutend mit Nation benutzt, dies müsse jedoch nicht zwangsläufig tatsächlich so sein. Während weiterhin nicht mehr auf die absolutistische Trennung von Volk und Regierenden verwiesen wird, beschreibt der Artikel das (Staats-)Volk als den demokratischen Souverän mit verfassungs- und gesetzgeberischer Gewalt.

[Anm. d. Autors: Der Artikel zum Begriff Volk in Meyers Enzyklopädisches Lexikon – erschienen 1979 beim Bibliographischen Institut in Mannheim – ist beinahe eine exakte Kopie des Eintrags in Das Große Duden-Lexikon von 1968 und enthält damit keine marxistische Deutung des Begriffs. Dies ist insofern bedeutsam, da Lexika mit dem Namen „Meyer“ im Titel gleichzeitig sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR erschienen. Hier zeigt sich, dass selbst in ein und dem selben Sprachraum darauf geachtet werden muss, in welchem Kontext ein Begriff definiert wurde.]

Der kurze Artikel in Meyers Neues Lexikon von 1974 ist stark von einer marxistischen Sichtweise geprägt. Die Werkstätigen seien dabei diejenigen, die das Volk ausmachten. Es vereinige die „[…] antiimperialistischen demokratischen Kräfte, deren Interesse objektiv gegen die reaktionären und aggressiven Bestrebungen der Monopolbourgeoisie gerichtet sind“. Die marxistisch geprägte Auslegung setzt sich während der Zeit des geteilten Deutschlands somit im in Leipzig erschienenen Meyers Neues Lexikon fort.

Der Eintrag von 1981 in Der grosse Brockhaus geht zunächst wieder auf die Trias von Herkunft, kulturellem Erbe und gemeinsamer Sprache ein. So wie in der Ausgabe von 1957 wird dann die Trennschwierigkeit vom Nationen- und Volksbegriff anhand des internationalen Sprachgebrauchs aufgezeigt. Unterscheidbar seien die Begriffe insofern, dass Nation eher eine politische, Volk eher eine sprachlich-kulturelle Bedeutung aufweise. Außerdem wird auf den Begriff des Staatsvolkes verwiesen, welches in Demokratien der Souverän sei. Anschließend geht der Artikel von 1981 auf die geschichtliche Entwicklung des Volksbegriffes ein:

[Anm. d. Autors: Anm.: In dieser Hinsicht ist auch das Wörterbuch der Gebrüder Grimm von 1951 eine lohnenswerte Quelle, da dieses die geschichtliche Entwicklung sowie die etymologische Herkunft nochmals sehr genau darlegt. Im wesentlichen enthält es dabei aber keine neuen Aspekte.]

Urspr. war V. die Bez. für „Heerhaufe“, „Kriegsschar“, jedoch auch für die Gefolgschaft im Frieden (Gesinde, Hausgemeinschaft). Schon im Althochdeutschen verband sich mit V. die Vorstellung einer großen Menschenmenge. Früh sind auch polit. Bedeutungen des Begriffs V. belegt: die auf der Basis gemeinsamer Kultur und Abstammung historisch gewachsene Gemeinschaft von Menschen; auch die große Masse der Untertanen eines Herrschaftsgebietes i. Ggs. zum Fürsten und der gesellschaftl. Oberschicht. In der 2. Hälfte des 18. Jh. erfährt der Begriff einen Wandel; unter dem Einfluß der polit. Romantik bezeichnet er die eigtl. tragende Kraft des Lebens und der geschichtlichen Entwicklung.

Abschließend erwähnt der Artikel noch, dass der Volksbegriff auch in der Gemeinde- und Kultursoziologie von Bedeutung sei.

Während sich die grundsätzliche Definition in der Brockhaus Enzyklopädie von 1994 nicht verändert, kommt jedoch ein neuer Aspekt hinzu, nämlich die Auseinandersetzung mit dem missbräuchlichen Umgang mit dem Volksbegriff während der Zeit des Nationalsozialismus. Der Nationen- und der Volksbegriff seien dabei nicht trennscharf abgrenzbar, ersterer sei jedoch vornehmlich von Elementen politischer Willensbildung geprägt, während Volk „[…] stärker emotionale Erfahrungen anspricht (Nationalbewußtsein). Die Unbestimmtheit beider Begriffe fördert ihren demagog. Gebrauch, was zur Diskreditierung des Begriffs V. (und bes. des Adjektivs „völkisch“) nach der nat.-soz. Zeit führte […]“. Zuletzt verweist der Artikel nochmals auf die staatsrechtliche Funktion des Volkes als Träger der Souveränität in einer Demokratie, welche es in Wahlen zum Ausdruck bringe.

Die folgenden Brockhaus-Ausgaben bleiben unverändert. Auch das 2005 erschienene Zeit-Lexikon greift auf den Eintrag aus der Brockhaus Enzyklopädie von 1994 zurück. Mit dem Ende des VEB Bibliographisches Institut aus Leipzig fällt somit eine Auseinandersetzung mit der marxistischen Betrachtung des Volksbegriffes völlig weg, während der Verweis auf den nationalistischen Missbrauch des Begriffes andauert.

Kompliziert ist das Volk

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Begriff zunächst insbesondere über die Herkunft definiert wird, aristokratisch zwischen den Regierenden und dem Volk als die Regierten unterscheidet und mit dem Begriff der Nation gleichgesetzt wird. 1855 wird dennoch bereits auf eine sozialistische Deutung in Frankreich eingegangen. Ende des 19. Jahrhunderts beginnt dann eine schärfere Unterscheidung zwischen dem Volksbegriff und dem Nationenbegriff, insbesondere im staatsrechtlichen Sinne. Auf das Staatsvolk als Souverän in einem demokratisch verfassten Staat wird erstmals 1930 näher eingegangen. Während der Zeit des Nationalsozialismus wird der Volksbegriff stark ideologisch aufgeladen und emotionalisiert, wobei Bezug auf die Lehre des Volksgeistes von Herder genommen wird. Hier wird das Volk darüber hinaus als rassisch begründete Schicksalsgemeinschaft gesehen, die sich von allem Außenstehenden abgrenzt. Auch nach dem 2. Weltkrieg wird auf die Deutsche Bewegung des 19. Jahrhunderts eingegangen, jedoch in einem neutralen Stil. Während der Teilung Deutschlands stehen die Einträge aus den in der DDR veröffentlichten Lexika unter einem marxistisch-leninistischen Vorzeichen. Die Trennschwierigkeit zwischen den Begriffen Nation und Volk löst sich letztlich nie ganz auf. So wird ab dem Ende des 20. Jahrhunderts Nation eher als eine politische, Volk eher als eine sprachlich-kulturelle Einheit beschrieben. Ab 1990 wird erstmals auf die negative Wendung des Volksbegriffes und dessen Missbrauch während des Dritten Reiches eingegangen. Die grundlegende Definition von Volk über Herkunft, Sprache und Kultur bleibt dabei bis heute erhalten. Mit Verweis auf die einleitenden Gedanken dieses Artikels lässt sich anmerken, dass der Volksbegriff der Pegida-Bewegung der Definition des Nationalsozialismus am nächsten zu stehen scheint, während in der sonstigen Begriffsgeschichte Einflüsse von außen auf ein Volk nicht ausgeschlossen werden.

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